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„Einen Tag in deinen Schuhen laufen …“

„Magst du Deutschland?“, „Was war dein erstes deutsches Gericht, das du gegessen hast?“ und „Warum habt ihr euch gerade Deutschland als Gastland ausgewählt?“ – Diese und andere Fragen stellt Ilyas Sönmez seiner Mitschülerin Solomiia Kravchuk.

Und Solomiia erzählt: von ihrer Heimatstadt Kiew, von der Kathedrale in der Nähe des Elternhauses, dass sie in Polen keine Unterkunft bekommen konnten und nach Deutschland weiter fahren mussten, von ihrer Katze, die sie auf der weiten Reise begleitet hat, von der freundlichen Aufnahme in Hattingen und davon, dass sie es anfangs seltsam fand, zum Überqueren der Straße eine Knopf drücken zu müssen. Und wie dankbar sie ist über die vielen Hilfen, die sie in Deutschland bekommen haben.

Ilyas, bestens vorbereitet und mit Wissen über Solomiias Heimatland Ukraine, hört zu, fragt nach, lässt sich Fotos von Kiew zeigen. Er spricht nicht von sich, sondern hört genau zu und wollte den Weg von Solomiia verstehen.

Solomiia hatte ihre Wyshywanka an, ihre Bluse mit traditionellen Stickereien und erzählte, welche Bedeutung Erinnerungen und Tradition für sie hat. Dann blickt sie in die Zukunft. Sie weiß nicht, wann sie zurück in die Ukraine gehen kann. Die Sehnsucht nach dem Vater ist übergroß. – Aber: Vielleicht zieht sie irgendwann in ein wieder neues Land. Sie möchte noch viel von der Welt sehen.

Während des Interviews haben Mitschüler beide fotografiert und wichtige Sätze von Solomiia gefunden. Sie sind nicht mehr passive Lerner, sondern sie gestalten, arrangieren und kuratieren. Sie geben den Erfahrungen von Solomiia eine Stimme.

Dieses Interview ist Teil des internationalen Centropa-Projekts „Stepping into the Future with Empathy“. Lerngruppen aus neun Ländern (Moldau, Polen, Nordmazedonien, USA, Litauen, Israel, Griechenland, Ukraine, Deutschland) suchten das Gespräch: über Flucht und Neuanfänge, über Hoffnungen und über „verborgene Geschichten“. Die US-amerikanische Lehrerin Gili Sherman hat dieses Projekt ins Leben gerufen und die Lehrenden im Vorfeld in mehreren Videokonferenzen ausführlich geschult.

Aus Deutschland haben Solomiia (Klasse 9a) und Ilyas (Klasse 9b) von unserer Schule am Projekt teilgenommen. Am Sonntag (3.5.26) haben sie es in einer internationalen Videokonferenz mit Lehrerinnen und Lehrern, Schülerinnen und Schülern vorgestellt und sind dafür sehr gelobt worden.

In anderen Präsentationen wurden ein trinationales Projekt über Kindheit früher und heute, dem Interview mit einem 101 Jahren alten Flüchtling aus der Ukraine („Ein lebendes Geschichtsbuch“), Begegnungen im Lost Shtedl Museum in Litauen, Ausstellungen mit Fotos und Zitaten, … vorgestellt.

Bei der Abschlussbesprechung wurde schnell klar, dass dieses Projekt eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten ist. Die Interviewer haben Verständnis für die Erfahrungen des anderen gelernt, vielleicht auch emotionale Empathie: Sie verstehen die Ängste, Hoffnungen und Stärken des anderen. Und in der Vorbereitung der Präsentation sind Kreativität und Fotosprache gefragt.

Ganz sicher verändert ein Gespräch nicht die Welt, aber es hilft dabei, Achtsamkeit und Verständnis füreinander zu entwickeln.

Beispiel für eine Präsentation. Hier werden die Ergebnisse vor den Jahrgängen 8 und 10 in der Aula vorgestellt. Oben sieht man die Kacheln von Lauren Granite von Centropa, der Initiatorin des Programms und von Gili Sherman, der Ideengeberin und Trainerin des Programms.

Solomiia stellt ihr Projekt und die Präsentation vor.