Gegen das Vergessen: Besuch des Z(w)eitzeugen und Holocaust-Überlebenden Dr. Thomas Gabelin
Geboren im Konzentrationslager Theresienstadt – 82 Jahre später mahnt Dr. Thomas Gabelin gegen das Vergessen
Am Mittwoch, den 4. November 2026, einen Tag vor Beginn der jährlich stattfindenden Aktion „Hattingen hat Haltung“, in der die Stadt Hattingen an die Reichspogromnacht 1938 erinnert, waren die Schüler:innen der 9. und 10. Klassen in der Aula versammelt. Der Anlass war kein gewöhnlicher: In Anwesenheit unserer Bürgermeisterin, Frau Witte-Lonsing und weiterer Gäste, sprach Thomas Gabelin, einer der letzten öffentlich aktiven Holocaust-Überlebenden, über seine eigene Lebensgeschichte – eine Geschichte, die im Grauen begann und heute ein kraftvolles Zeichen gegen das Vergessen ist.
„Der Vortrag war sehr informationsreich, man konnte viel dazulernen und hat einen Einblick bekommen, wie die Menschen nach dem Krieg gelebt haben“ (Emily, 10b)
Karsten Heilinger war es ein großen Anliegen, dieses wichtige Thema mit einem Holocaust- Überlebenden in der Schule zu thematisieren. Denn Geschichte ist nicht nur etwas für Schulstunden und Gedenktage, sie lebt auch in Menschen weiter; sie gibt Selbstvertrauen oder weckt Selbstzweifel. So lässt sich diese Veranstaltung zusammen mit der Fahrt der Erinnerungs-AG nach Weimar und dem ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald im März sowie der Klassenfahrt der Klassen 10c und 10d in die Jugendherberge und Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück im September als wichtigen Baustein gegen das Vergessen des nationalsozialistischen Terrorregimes sehen.
Thomas Gabelin wurde am 21. Dezember 1944 im Ghetto und Konzentrationslager Theresienstadt in eine Welt geboren, die geprägt war von Verfolgung, Elend und Tod. Seine Eltern wurden als sogenannte „Halbjuden“ aufgrund jüdischer Großmütter nach Theresienstadt deportiert. Seine Mutter war hochschwanger, als sie das Lager erreichte. Dort erwartete sie kein Schutz, sondern unvorstellbare Bedingungen: Hunger, Kälte, Krankheiten und der ständige Tod.
Der kleine Thomas wurde in der sogenannten Hohenelber Kaserne – einer KZ-Klinik – geboren. Von über 10.000 Kindern, die in Theresienstadt inhaftiert waren, überlebten nur ca. 130. Thomas Gabelin war eines von ihnen – ein Leben, das Geschichte wurde!
Knapp 82 Jahre später steht dieser Mann auf der Bühne – ruhig, eindringlich, mit der Kraft eines Überlebenden. Sein Ziel ist klar: Erzählen, erinnern, mahnen. Denn viele seiner Weggefährten leben nicht mehr. Er spricht für sie – und für die Millionen, deren Stimmen für immer verstummt sind.

„Man hatte ein Bild vor sich, als wenn man das selbst miterlebt hat.“ (Togan, 10b)
Die Schüler:innen erleben keinen Vortrag im klassischen Sinne, sondern ein eindringliches Zeitzeugengespräch. "Bloße Zahlen, sechs Millionen tote Juden und so weiter, die sagen einem nichts", sagt Gabelin. Entscheidend sei der persönliche Zugang. Wenn Schüler:innen von konkreten Schicksalen hörten, entstehe ein anderer Eindruck von der Geschichte. Thomas Gabelin berichtet von den letzten Tagen des Krieges, von Zügen, die nur noch Leichen ins Ghetto brachten, von den Ängsten seiner Eltern, von der Kindheit nach dem Krieg – und davon, wie schwer es ist, mit dem Unsagbaren zu leben. Thomas Gabelin nutzt seine Schilderungen als Chance, um als Mahner der Geschichte aufzutreten: „Es geht nicht um mich, es geht um das Erinnern“ – das wird immer wieder deutlich.
„Es ist noch einmal etwas ganz anderes, solche Geschichten von Menschen zu hören, die den Nationalsozialismus miterlebt haben und nicht nur von Lehrern im Unterricht.“ (Lisa, 10b)
Begleitet wurde Herr Gabelin von seinem Freund Louis Pawellek (28), der auch den Vormittag anmoderierte. Die beiden verbindet eine enge Freundschaft über Generationen hinweg. Louis Pawellek, der Thomas Gabelins Geschichte seit Jahren dokumentiert, gab zu Beginn einen kurzen historischen Überblick über das Lager Theresienstadt.

So lässt sich zusammenfassen: Ein Morgen, der bleibt! – Die bewegende Veranstaltung in unserer Schule war mehr als Erinnerung. Sie war ein Aufruf an die Gegenwart. Thomas Gabelin zeigte eindrucksvoll, warum Gedenken nicht nur Pflicht, sondern Verantwortung ist – heute und auch in Zukunft!
Denn solange Menschen wie er erzählen, ist das Vergessen keine Option.
Im Anschluss an den Vortrag konnten die Schüler:innen Thomas Gabelin persönlich Fragen stellen sowie originale Dokumente aus der NS-Zeit von sich und seiner Familie anschauen. Zahlreiche Schüler:innen blieben in der Pause freiwillig in der Aula, um mit ihm das Gespräch zu suchen.
Die NS-Zeit und Social Media
Thomas Gabelins Begleiter und Freund, Louis Pawellek, veröffentlicht die Geschichten von Holocaust-Überlebenden auf Social Media. Seine Clips erreichen Millionen und bringen die Erinnerungen in den Alltag von Jugendlichen.
Pawellek setzt auf Soziale Medien, um jungen Menschen die Erinnerung an den Holocaust zu vermitteln. Der 28-jährige Erzieher interviewt Holocaust-Überlebende und veröffentlicht ihre Geschichten auf TikTok und Instagram. "Wir können noch so viele Bücher veröffentlichen und Gedenkstättenfahrten machen, aber die jungen Leute informieren sich selbst über das Internet", sagt Pawellek.
Einige der Videos von Pawellek erreichen mehrere Millionen Aufrufe auf TikTok. In den kurzen, schnell geschnittenen Clips, reist Pawellek beispielsweise auch zu verschiedenen Gedenkstätten und erklärt historische Fakten. Manchmal bekomme er als Rückmeldung von Jugendlichen, dass seine TikToks sie dazu inspiriert hätten, selbst dorthin zu fahren.
Er hat mehrere Zeitzeugen interviewt und ihre Lebensgeschichten in Büchern und Videos dokumentiert. Der Impuls dafür war bereits in seiner Jugend entstanden: Eine ältere Nachbarin zeigte ihm ihre Häftlingsnummer und erzählte ihm von ihren Erfahrungen in Konzentrationslagern. Ihr Satz "Mach was draus, Junge" prägt seine Arbeit bis heute. Deshalb will der Erzieher die Erinnerungen der Überlebenden genau dorthin bringen, wo Jugendliche unterwegs sind. Er arbeitet mit rund 25 Zeitzeuginnen und Zeitzeugen aus ganz Deutschland zusammen.


